European Association Of Music Therapy Students

projects
 

By Verena Heidenreich:

Internationale Studenten der Musiktherapie in Mostar
(Bosnien und Herzegowina)

Ein humanitäres, psychosoziales Hilfsprojekt der
"European Association of Music Therapy Students"

"Do-ber- dan, do-bro docli k´muciki !! "
"Do-ber dan, ja sam Constanze…" " Do-ber dan, ja sam Merim."

So oder so ähnlich klingen die ersten Töne (Melodie zu "Hopp, Hopp, Hopp...") aus den Räumen, in denen Musiktherapiestudenten mit Kindern aus einem Waisenhaus und einer Sonderschule in Mostar, Bosnien Musik machen, improvisieren, singen und spielen. Es ist in Projekt der EAMTS (European Association of Music Therapy Students), welches Studenten aus Europa eingeladen hat sich für die Teilnahme zu diesem Projekt zu bewerben.

Wir beginnen mit dem Vorbereiten der Instrumente, die Stühle in den Kreis stellen, noch eben tief Luft holen... und da kommen auch schon lebhaft die Kinder aus ihren Klassenzimmern angerannt. Durch unser Anfangslied können wir auch ohne die Serbokroatische Sprache zu beherrschen den Beginn der "Musiksession" einläuten und alle willkommen heißen. Die Kinder probieren die verschiedenen Instrumente aus, zum Beispiel Rasseln, Trommeln, Xylophone und kleine Flöten; und singen, tanzen, Bodypercussion und auch malen zur Musik oder Musik machen zu gemalten Bildern gehört dazu. Ab und zu bringen wir strukturiertes Instrumentalspiel mit Regeln in die Stunde, aber meistens probieren wir auf das einzugehen, was die Kinder machen und gerne machen möchten. So gelingt es uns offen zu stehen für die uns fremde Kultur und Freiraum für den Austausch zwischen den Kulturen zu schaffen.

Dass die Workshops für unser Verständnis "chaotisch" verliefen, war für uns am Anfang sehr gewöhnungsbedürftig. Wir konnten nicht davon ausgehen, daß Ordnung oder Konzentration in der Gruppe herrschte und wir unser am Vortag noch so gut vorbereitetes Programm durchführen konnten. Langsam lernten die Teilnehmer des Projektes, dass man diese lebhafte Gruppendynamik als Mittel für das Leiten der Gruppe nutzen konnte. Die Frage stellte sich, ob dieser Wunsch nach Struktur und Ordnung nicht viel mehr unser eigenes Bedürfnis ist, entstanden aus unserem eigenen kulturellen Hintergrund?

Die Studenten arbeiteten in Paaren zusammen und leiteten zweimal in der Woche jeweils 3 Gruppen. Das Alter der Kindern variierte von 4-17 Jahren und circa 6-8 Kinder formten eine Gruppe. Die paarweise Leitung der Gruppen erlaubte eine starke Zusammenarbeit durch die intensive Vorbereitung, Austausch und Evaluation möglich wurde.

Die acht Teilnehmer des Projektes vertraten in Herkunft und Erfahrung viele Länder Europas. Sie kamen aus Dänemark, Deutschland, den Niederlanden und Slowenien mit zusätzlichen musiktherapeutischen Arbeitserfahrungen in Finnland, Irland und der Schweiz. Nicht nur die Herkunft, auch der theoretische Hintergrund und die Art der Ausbildung wies deutliche Unterschiede auf. So konnten die Studenten viel von den Arbeitsweisen und Therapieansätzen der Anderen lernen. Das Team traf sich jeden Morgen für 1,5h zum Teammeeting, in dem sowohl Organisatorisches als auch Persönliches besprochen wurde. Es waren vor allem zu Anfang viele verschiedene und sehr kontrastierende Eindrücke die verarbeitet und geordnet werden mußten. Das Zitat einer Teilnehmerin drückt aus wie viele sich, vor allem zu Anfang der drei Wochen fühlten: "Ich fühle mich wie eine Waschmaschine, so durcheinander bin ich mit all diesen Eindrücken."

Mostar ist ein Ort voller Kontraste. Zum Einen sah man das mittelalterliche, sonnige Mostar mit seinen kleinen Gassen, orientalischem Bazar und renovierter Brücke und im Gegensatz dazu die vielen, noch immer sehr zerstörten Ruinen übersät mit Einschusslöchern; aber auch die Fröhlichkeit im Team und in der Arbeit mit den Kindern war gegensätzlich zu den oberflächlich nicht sichtbaren Problemen der Gesellschaft, die man erst im Gespräch mit der Bevölkerung erfuhr. Es herrscht noch immer hohe Arbeitslosigkeit und die immer grösser werdende Spannung zwischen den kroatischen, katholischen Bosniaken auf der westlichen Seite des Flußes Neretva und den moslimischen Bosniaken im Osten des Flußes liegt "in der Luft". Es sind Okzident und Orient, die sich hier treffen. Dieses oftmals "ungreifbare" und unbekannte Gefühl, das einem der Aufenthalt in einem Nachkriegsgebiet bringt, die Zusammenarbeit in der Gruppe und die Arbeit mit den Kindern waren wichtige Themen, die in den Teamtreffen besprochen wurden.

Die Brücke von Mostar

Mostar von Oben

Das Haus in dem wir wohnten, war auf dem Gelände des Waisenhauses und bot uns mit seiner direkten Nähe zum Fluß Neretva einen wunderschönen Ausblick und die Ruhe zum vorbereiten, evaluieren und oftmals einfach nur sitzen und in die Strömung des Flusses schauen...

Zum Glück konnte unsere slowenische Teilnehmerin fließend Serbokroatisch und war somit in allen wichtigen Gesprächen eine grosse Hilfe. So nach und nach sprach auch der Rest des Teams immer mehr Wörter Serbokroatisch, um der lokalen Bevölkerung und den Kindern mit Höflichkeit begegnen zu können. In der Arbeit zeigten sich durch die mangelnden Sprachkenntnisse erstaunlich wenig Probleme. In einigen Gruppen konnte der eine oder andere etwas Deutsch, Englisch oder Italienisch aus ihren Flüchtlingsaufenthalten im Ausland. So wurde mit Händen und Füßen, Brocken aus verschiedenen Sprachen, mit Bildern und Körpersprache kommuniziert. Schwierig war es Autorität ohne Worte zu zeigen, besonders wenn sich die Kinder in alle Richtungen und Tätigkeiten verstreuten. Aber auch die Kinder fanden einen Weg uns deutlich zu machen, was sie wollten. Für sie bedeutete es ebenfalls mehr Aufmerksamkeit und Konzentration.

Das Hauptziel der Workshops - wir vermieden den Ausdruck Therapie, da wir auf Grund des kurzen Aufenthaltes und der fremden Kultur ganz bewußt keine Therapie geben wollten - war, eine spielerische Atmosphäre zu schaffen, in der Musik und die Qualitäten der musikalischen Improvisation ausprobiert werden konnten. Soziale Interaktion, Ausdruck und das Erkunden von Gefühlen, erreichen von Spaß und ein Gefühl von Sicherheit erfahren, waren weitere allgemeine Ziele der Stunden.

Um auch das psychische Wohlergehen der Studenten nicht zu vernachlässigen war der regelmäßige Austausch in den Paaren und im Team von großer Bedeutung. Hinzu hatten wir professionelle Supervision von außen. Zwei Therapeuten aus den Vereinigten Staaten und Kanada, die seit ca. 2 Jahren die Musiktherapieabteilung im Pavarotti Musikzentrum in Mostar leiten, boten uns die Möglichkeit zum "Debriefing". Sie konnten uns durch Feedback und Fragen helfen, die vielen Gefühle, die uns überwältigten zu ordnen. Zusätzlich hatten wir die ganze Zeit über die Möglichkeit mit unseren Projektberatern in England, Dänemark und Niederlanden in Kontakt zu treten.

Uns war nicht nur wichtig, einen Beitrag zur internationalen, humanitären Hilfe zu leisten, sondern auch die Nachhaltigkeit unserer Tätigkeit und Aufenthaltes. Dieser Aspekt war vor allem der Organisation sehr wichtig und kam in verschiedenen Bereichen zur Geltung: im Kontakt und Austausch mit bosnischen Studenten, mit denen wir weiterhin in enger Zusammenarbeit bleiben werden, und in der Vermittlung von Kindern, die in unseren Gruppen besonders empfohlen waren für die Musiktherapie und im Departement weiter behandelt werden können.

Am wichtigsten für die Nachhaltigkeit aber war das erste musiktherapeutische Seminar, das wir in Sarajevo organisierten. In Zusammenarbeit mit den bosnischen Studenten boten wir ein variiertes Programm mit Vorträgen über die Musiktherapie im allgemeinen, mit praktischen Beispielen, musikalischer Teilnahme des Publikums und Berichten von Forschungsarbeiten. Ein Fallbeispiel wurde sehr persönlich erzählt und verschiedene Musiktherapieprojekte in Bosnien stellten sich vor. Eingeladen waren Psychologen, Logopäden, Lehrer und Musikstudenten des Konservatoriums.

Auf der Reise

... chillin'...

Es war eine wichtiger Nachmittag, an dem vor allem zwischen Organisationen mit Interesse an der Musiktherapie und Therapeuten, die solche Institutionen suchen, vermittelt wurde. Das Resultat war, daß die bosnischen Teilnehmer am Ende des Seminars sich unter einander austauschten und die internationalen Teilnehmer nicht mehr "gebraucht" wurden. Die Direktorin der Sonderschule, an der das Seminar stattfand, beendete den Nachmittag mit den Worten, dass dies ein sehr wichtiger Schritt in der Geschichte der Musiktherapie in Bosnien und Herzegowina gewesen sei.

Die Kulturbeauftragte, Frau Dragoja-Mikulic der Stadt Mostar betonte, dass im nächsten Jahr die Möglichkeit bestünde so ein Seminar auch in Mostar durch zu führen. Die Reaktionen, die wir von Seiten der Institutionen bekamen waren nicht weniger lobend. Jasna Rebac, die Direktorin des Zentrums für pflegebedürftige Kinder meinte, dass Musik das Einzige sei, was ihren Kindern wirklich helfe und wir sollten nicht nur im Sommer kommen, sondern das ganze Jahr über. Eventuell werden sich in der Zusammenarbeit mit drei bosnischen Studenten noch weitere Arbeitsmöglichkeiten ergeben. Frau Rebac war der Meinung, die Lehrer an ihrem Zentrum erkannten es an dem Lächeln der Kinder, wenn sie aus dem Musikworkshop zurück kamen.

Die Teilnehmer des Projektes waren sich einig, daß jede musiktherapeutische Ausbildungsstätte so ein Projekt als Teil ihres Curriculums anbieten sollte. Und auch Frau Sabaheta Kadic, Direktorin des Waisenhauses möchte gerne, dass wir im nächsten Jahr zurückkommen und das Projekt noch viele Male wiederholen, da sie es als große Chance für ihre Kinder sieht.


Das Team des diesjährigen Projektes (v.l.n.r.):

Robbie v.Alphen-Niederlande
Verena Heidenreich-Deutschland
Andreas Frankl-Deutschland
Spela Knoll-Slovenien
Constanze Bürger-Deutschland
Sofie Andersen-Dänemark
Brechtje Hallo-Niederlande
Inge Smiet-Niederlande

Ende Oktober traf sich das Team nochmals in Magdeburg, um zu evaluieren, Fotos und Erfahrungen auszutauschen und interessierten Studenten von ihren Erlebnissen zu berichten. Im Laufe des nächsten Jahres werden eine Reihe von Vorträgen vorbereitet und einen Film über das Projekt gibt es auch schon.

Für alle Beteiligten waren es sehr erfolgreiche Wochen mit Erfahrungen, die wir nicht missen möchten. Wir möchten uns ganz herzlich bei allen Sponsoren bedanken, die uns und den Kindern in Bosnien diese unvergeßliche Zeit möglich gemacht haben.

Hvala!

Im Namen der Projektkommission der eamts, 2004
Verena Heidenreich, (verena@eamts.org)

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